Achtsamkeit – wie ich sie wirklich lebe
Ich meditiere nicht mit gekreuzten Beinen. Ich atme nicht bewusst durch das linke Nasenloch. Und trotzdem ist Achtsamkeit einer der größten Anker in meinem Leben.
Es gibt eine Version von Achtsamkeit, die man überall sieht. Meditationskissen in gedimmtem Licht. Apps, die einen daran erinnern, jetzt achtsam zu sein. Fünf-Minuten-Übungen, nach denen man sich besser fühlen soll.
Ich respektiere das absolut. Für manche Menschen ist das genau richtig.
Für mich ist es das nicht. Und das ist lange ein Gefühl, als wäre ich irgendwie nicht achtsam genug. Bis ich verstehe: Achtsamkeit hat viele Gesichter. Und meines sieht anders aus.
Achtsamkeit als Kindheitsgeschenk – mit Preis
Ich bin ein sehr sensitiver Mensch. Ich nehme wahr, was andere übersehen. Ich höre, was nicht gesagt wird. Ich spüre Stimmungen, bevor sie sich in Worte formen.
Das ist nicht etwas, das ich gelernt habe. Es ist etwas, das ich früh entwickelt habe – aus Notwendigkeit. Wer als Kind in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem man Situationen scannen muss, Stimmungen lesen, Gefahren einschätzen, der entwickelt eine sehr feine Antenne.
Diese Antenne ist ein Geschenk. Und sie hat ihren Preis.
Ich bin sehr empfindlich für das, was um mich herum passiert. Die Energie eines Raumes. Die Schwingung eines Menschen. Das Gewicht eines Geräusches. Das alles dringt tiefer ein als bei manchen anderen Menschen. Manchmal ist das bereichernd. Manchmal ist es erschöpfend.
Aber es hat mir auch eine Achtsamkeit gegeben, die ich nie bewusst geübt habe. Sie war einfach da.
Meine Version von Achtsamkeit
Ich brauche keinen festen Termin für Achtsamkeit. Sie läuft bei mir den ganzen Tag mit — leise, beharrlich, ohne feste Uhrzeit.
Wenn ich morgens an meinen Schreibtisch komme und das Licht durch die Fenster fällt, dann bemerke ich das. Wie es auf dem Boden liegt. Wie es sich im Lauf des Vormittags verändert. Wie es mit dem Raum etwas macht — und mit mir.
Wenn ich hinausgehe, höre ich zuerst. Das Rascheln in den Bäumen, ein Fahrrad, das vorbeiklingelt, Stimmen in der Ferne. Dann rieche ich: Regen auf dem Asphalt, frisch gemähtes Gras, den ersten Hauch von Herbst. Das klingt banal. Es ist es nicht. Diese Nuancen zu bemerken, ist Achtsamkeit.
Wenn mir jemand etwas erzählt, versuche ich, wirklich zuzuhören. Nicht schon die eigene Antwort im Kopf vorzubereiten, sondern beim anderen zu bleiben — bei seinen Worten, seiner Stimme, bei dem, was zwischen den Sätzen liegt. Das gelingt mir nicht immer. Aber wenn es gelingt, ist es eine der schönsten Formen von Achtsamkeit.
Wenn ein Baum beginnt zu blühen und ich stehe davor und halte inne – wirklich inne – dann ist das kein romantisches Klischee. Das ist ein Moment, in dem sich mein Nervensystem reguliert. In dem das Gehirn aus dem Problemlösungsmodus heraustritt. In dem etwas Größeres spürbar wird.

Gehende Meditation – auch barfuß
Wenn ich meditiere, dann meistens in Bewegung. Ich konzentriere mich darauf, wie mein Fuß abrollt. Ferse, Ballen, Zehen. Schritt für Schritt. Das Bewusstsein ganz in diesem einen, einfachen Vorgang.
Oder ich gehe barfuß. Auf dem Parkettboden, auf Gras, auf Erde, auf einem Weg, der nicht perfekt geebnet ist. Und ich spüre, was von unten kommt. Die Energie des Bodens. Die Kühle oder Wärme. Das Lebendige unter meinen Füßen.
Das ist keine Technik. Das ist Rückkehr.

Rückkehr zu dem, was der Körper immer schon wusste, bevor der Kopf so viel übernommen hat: dass wir Teil von etwas sind. Dass Verbindung nicht nur zwischen Menschen entsteht, sondern auch zwischen uns und dem, was uns trägt.
Achtsamkeit ist nicht Stille – sie ist Präsenz
Viele Menschen denken, Achtsamkeit bedeute Stille im Kopf. Keine Gedanken. Vollkommene Ruhe.
Das ist ein Missverständnis, das viele Menschen entmutigt.
Achtsamkeit bedeutet nicht, keine Gedanken zu haben. Es bedeutet, zu bemerken, dass man denkt. Den Gedanken zu sehen, ohne von ihm weggeführt zu werden. Präsent zu sein – nicht perfekt.
Ich bin oft in Gedanken. Ich plane, überlege, verarbeite. Aber ich habe gelernt, immer wieder zurückzukehren. Zum Fuß, der abrollt. Zur Luft vor der Türe. Zum Baum, der blüht.
Diese Rückkehr – immer wieder, ohne Selbstkritik – das ist Achtsamkeit.
Was Achtsamkeit mir schenkt
Sie gibt mir keinen Frieden im Sinne von Sorglosigkeit. Die Sorgen sind manchmal da. Die Unsicherheiten auch.
Aber sie gibt mir etwas anderes: Die Fähigkeit, auch inmitten von Unsicherheit einzelne Momente zu schätzen. Den Kaffee am Morgen. Das Licht, das sich verändert. Die Stille zwischen zwei Gedanken. Geräusche im Treppenhaus, wenn meine Nachbarn auch schon zugange sind.
Und sie ist für mich die Grundlage für etwas anderes: Dankbarkeit. Darüber schreibe ich im Artikel „Dankbarkeit — nicht als Übung, sondern als Haltung„.
Das ist meine Achtsamkeit. Unvollkommen. Lebendig. Mein.
Dieser Artikel schildert einen persönlichen Zugang zu Achtsamkeit. Es gibt viele Wege – dieser ist meiner. Was Deiner ist, darfst Du selbst herausfinden.
